Faszination Stoff – Im Gespräch mit Enrico Rima, einem der Gründer von Lebenskleidung, einem Stoffgroßhändler für Bio-Stoffe (GOTS)

Das Interview wurde von Antonia Witt im Auftrag von YOGANA.WORLD am 14.05.2019 in Berlin geführt.

Foto: Antonia Witt

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Welche Motivation verbirgt sich hinter Lebenskleidung?
Während unseres Studiums in Südindien haben Benjamin Itter und ich die Problematik der Baumwollbauern vor Ort gesehen. Mein Kollege studierte Geografie und deutsche Literaturwissenschaften, ich Umweltwissenschaften und Geografie. Mit dem Bereich von Stoffen und Kleidung hatten wir eigentlich überhaupt nichts zu tun. Zurück in Deutschland wussten wir, dass wir etwas verändern möchten, und die Idee zu Lebenskleidung war geboren. Der Name leitet sich von dem Sanskrit-Wort Ayurvastra ab: Ayur bedeutet Leben und Vastra Kleidung.

Kannst du bitte kurz auf die Probleme der globalen Textilindustrieproduktion eingehen?
Ich hatte mir zuvor noch nie Gedanken über meine Kleidung gemacht, aus welchen Ländern zum Beispiel die Rohstoffe stammen. Der Grund für die vielen Missstände vor Ort ist, dass die Baumwolle nicht nachhaltig angebaut wird. Viele der Baumwollbauern sind Analphabeten und leben am Existenzminimum. Auch benutzen die Bauern auf ihren Feldern Pestizide, ohne sich der gesundheitlichen Gefahren bewusst zu sein. Hinzukommt, dass die Selbstmordrate bei den Baumwollbauern sehr hoch ist. Bleibt beispielsweise eine Ernte aus, geraten die Bauern schnell in eine Abwärtsspirale, eine Schuldenspirale, weil sie die teuren Pestizide und Dünger, oder das genmanipulierte Saatgut von Monsanto gekauft haben, und die Kredite nicht mehr zurückzahlen können. Dann gibt es die Fabriken, in denen aus der geernteten Baumwolle das Garn gesponnen wird. Häufig ist es so, dass die Mädchen, die dort arbeiten, mit falschen Versprechungen in die Garnspinnereien gelockt werden. Gerade in Südindien ist dies ein großes Problem, bekannt unter dem Namen Sumangali. Jungen Mädchen und Frauen, meist ab 14 Jahren, werden von Mittelsmännern aus den Dörfern geholt und durch mehrjährige Verträge in den Spinnereien angestellt. Die Bauernfamilien sind in der Regel zu arm, um sich die Mitgift leisten zu können, die ein Mädchen bei der Heirat an die Familie des zukünftigen Ehemannes geben muss. Nach Ablauf der Verträge wird den Mädchen ein Geld-Bonus in Aussicht gestellt, im ersten Moment erscheint die Arbeit in der Fabrik für viele Bauernfamilien attraktiv. Doch die jungen Mädchen und Frauen arbeiten unter sklavenähnlichen Verhältnissen. Das Fabrikgelände dürfen die Arbeiterinnen allein nicht verlassen, der Kontakt zu der Familie ist ihnen untersagt. Sie arbeiten im Akkord, unter ständigem Druck, und sind Beschimpfungen, Schlägen und sexuellen Belästigungen durch die Aufseher ausgesetzt. Die hygienischen Verhältnisse vor Ort sind äußerst unzureichend, die Maschinen oft veraltet, was Arbeitsunfälle provoziert. Die Arbeiterinnen werden meist als „Lehrlinge“ angestellt, um die gesetzlich geregelten Mindestlohnbestimmungen zu umgehen. Die jungen Mädchen und Frauen arbeiten täglich zwischen zehn und zwölf Stunden, der Lohn ist sehr gering, und oftmals bleiben die versprochenen Prämien nach Vertragsende aus. Die Sumangali Praxis ist nach indischem Gesetz illegal und gehört zu den schlimmsten Formen der Kinderarbeit und Sklaverei. Der Zugang zu Bildung wird den Mädchen dadurch verwehrt, der Einfluss der Textilunternehmen in diesen Ländern ist sehr groß. Der überwiegende Teil der Mädchen und jungen Frauen entstammt den unteren Kasten. Als nächsten Schritt in der Produktionskette muss die Baumwolle gefärbt werden, das passiert aber nicht nach unseren Umweltstandards. Die Gifte der Fabriken werden in die umliegenden Flüsse geleitet, und das Grundwasser wird dadurch verseucht. Innerhalb der Wertschöpfungskette der Textilien gibt es unglaublich viele verschiedene Faktoren, sozial wie ökologisch, die die Produktion eines Kleidungsstückes negativ beeinflussen können. Kauft man zum Beispiel in Deutschland bei Primark ein T-Shirt zwischen drei und sechs Euro, ist genau das der Fall. Diese Auswirkungen der globalen Textilindustrie wollten wir verändern. Im September 2008 haben wir Lebenskleidung gegründet.

Bei welchen Stufen der Textilproduktion setzt Lebenskleidung genau an?
Lebenskleidung folgt dem Prinzip des Global Organic Textile Standard (GOTS), dabei wird die gesamte Wertschöpfungskette nach den sozialen und ökologischen Kriterien betrachtet. Wir verwenden ausschließlich Biobaumwolle, das heißt, dass bei diesem Anbau keine Pestizide, und auch kein Saatgut von Monsanto zugelassen sind. Die Bauern nutzen die natürlichen Mittel, die ihnen zu Verfügung stehen. In der Regel besitzen sie eine Kuh, deren Dünger für das Feld verwendet wird. GOTS zertifiziert bedeutet auch, dass die Baumwolle nicht in ausbeuterischen Fabriken gesponnen wird. Bezüglich der Färbung gibt es eine Positivliste an Chemikalien, die nach GOTS Standard ökologisch vertretbar, und damit zugelassen sind. Die Stoffe werden nicht mit pflanzlichen Zusätzen gefärbt, sondern mit Chemie. Begründet darin, dass die Farben fixiert werden müssen, damit die Intensität später in der Waschmaschine nicht verloren geht. Bei der Färbung wird verstärkt darauf geachtet, dass die Abwässer, die dadurch entstehen, korrekt geklärt werden. Bevor wir mit einem Produzenten in einem Land zusammenarbeiten, schauen wir uns diesen ganz genau an, ob die GOTS Standards eingehalten werden. Auch prüfen wir den Stoff, der dann in Deutschland ankommt, erneut nach strengen Qualitätskriterien.

„3,5 Gramm wiegt im Schnitt eine Baumwollkapsel, aus der Faser muss erstmal ein Garn gesponnen werden.“

In welchen Ländern werden eure Stoffe produziert?
In der Türkei, in Portugal und in Deutschland. Neu ist bei Lebenskleidung seit letztem Jahr das sogenannte „Elbwolle-Projekt“. Dabei wollen wir die Aufmerksamkeit auf die Ressourcenverschwendung richten, die auch hierzulande stattfindet. Die Schäfer in Deutschland erhalten für die Wolle heute kaum mehr Geld, die Nachfrage für die unglaublich weiche Merinowolle, importiert vor allem aus Australien und Neuseeland, ist deutlich höher. In Deutschland werden die Schafe gerade für die Deichpflege, und für die Biodiversität gehalten und genutzt. Die Rohwolle für diesen regionalen Stoff bekommen wir aus Niedersachsen. Kurz hinter der deutsch-polnischen Grenze wird die Wolle gewaschen, in Brandenburg wird das Garn dann gesponnen, und gewebt werden die Stoffe in Tirschenreuth, in Schwaben. Kommt der Stoff in unserem Laden in Berlin an, sind das rund 900 Kilometer Transportweg, im globalen Kontext relativ wenig. Nebenbei werden die Schäfer für die Wolle angemessen bezahlt. Das ist ganz wichtig, denn werden diese Berufe nicht mehr wertgeschätzt, und das ist in Indien oder der Türkei genau das gleiche, besteht auch von der jüngeren Generation kein Interesse, die Berufe der Eltern weiterzuführen, und die Tradition stirbt aus. Der Schäferberuf hat in Deutschland derzeit große Nachwuchsprobleme.

Foto: Antonia Witt

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Wie definierst du Nachhaltigkeit für dich?
Ganz klassisch, wie in der Forstwirtschaft: Man darf aus dem Wald nicht mehr entnehmen, wie man später auch wieder nachpflanzen kann. Beachtet man diese Regel nicht, wirtschaftet man nicht nachhaltig, sind die Ressourcen irgendwann erschöpft. In unserem Berliner Büro versuchen wir daneben eine neue Form der Arbeitskultur zu leben. In unserem Team von acht Personen gibt es stets flache Hierarchien, und wir kaufen nur nachhaltige Büromaterialien ein. Wir haben Ökostrom, eine Ökokiste und kochen jeden Mittag frisch. Wir beschäftigen uns mit der Frage, wie man in der Arbeit die maximale Freiheit des Einzelnen erreichen kann.

Welche Stoffe verwendet ihr?
Wir haben ein paar wenige Leinenstoffe, doch hauptsächlich verwenden wir Stoffe aus Baumwolle. Baumwolle ist auf dem Markt der Stoff, der am meisten zu finden ist, und einfach ein echter Allrounder. Man kann aus dem Naturstoff später einen sehr feinen Blusenstoff, oder auch einen schweren Strickpullover herstellen. Natürlich ist Baumwolle nicht für Funktions- oder Sportkleidung geeignet, weil die Nässe dabei nicht gut abgegeben wird. Jährlich haben wir immer zwei Kollektionen, Frühjahr, Sommer und Herbst, Winter.

Ist es nicht so, dass der Anbau von Baumwolle einen großen Wasserverbrauch bedeutet?
Wir haben uns damit auch länger beschäftigt. Zu den Kriterien eines ökologischen Anbaus gehört, dass eine künstliche Bewässerung vermieden werden soll. In den Ländern, in denen ich war, wird die Baumwolle so angebaut, dass es mit der Regenzeit korrespondiert. Die Baumwollpflanze braucht nur am Anfang, die ersten paar Wochen nach der Pflanzung, viel Wasser. Danach braucht sie zum Wachsen nur die Wärme, die es zum Beispiel in Deutschland nicht gibt. Es geht einfach darum, wie man das Wasser nutzt. Kein Bio-Baumwollbauer würde zum Beispiel für die Bewässerung Frischwasser verwenden, denn auf Dauer schadet das der Qualität des Bodens. Diesen Mythos, dass viel Wasser beim Anbau verbraucht wird, den gibt es, und in der konventionellen Landwirtschaft ist das sicherlich auch der Fall. Doch im Bereich der Biolandwirtschaft ist ein hoher Wasserverbrauch eigentlich ausgeschlossen, da es den Regeln dieser Art zu wirtschaften einfach widerspricht.

Wie groß ist euer ökologischer Fußabdruck, wenn ihr die Baumwollstoffe aus der Türkei oder aus Portugal nach Deutschland importiert?
Aus allen Ländern werden die Stoffe mit dem LKW transportiert, das ist ein Kompromiss. In dem Punkt haben wir keine besseren logistischen Möglichkeiten gefunden. Von der Bilanz wäre das Schiff natürlich das Beste, doch das entspricht nicht der Realität, wie man Waren von der Türkei und Portugal nach Deutschland transportiert. Dafür versenden wir unsere Ware klimaneutral mit UPS und DPD.

Wer gehört zu euren Kunden?
Unsere Stoffe sind in Boutiquen und Kollektionen weltweit zu finden, in Europa, Australien, Japan, Südamerika oder den USA. Wir verkaufen die Stoffe an kleinere und mittlere Unternehmen, denn auch diese haben eine Daseinsberechtigung. Alle großen Firmen gehen meist direkt zum Produzenten, um dort die fertigen Stoffe zu erwerben. Wir sind für die Menschen da, die mit ihrer Geschäftsidee gerade erst begonnen haben, die sich große Investitionen noch nicht leisten können, aber trotzdem Qualität suchen. Vorteilhaft für kleinere Betriebe ist auch, dass die Stoffe bei uns in sehr kleinen Mengen, schon ab einem Meter, bestellt werden können. Das Lager für unsere Stoffe liegt in der Nähe der deutsch-niederländischen Grenze, insgesamt rund 450 verschiedene Stoffe sind dort zu finden.

Wie kann beispielsweise ein Designer bio-zertifizierte Stoffe ansprechend verarbeiten, dass biologische Mode nicht als schlabbriger Öko-Look erscheint, sondern als modern, edel und gut tragbar?
Auf Messen sehen wir die Trends, die es auf dem Fashion Markt gibt, und diese versuchen wir in den nachhaltigen Bereich zu adaptieren. Der typische Öko-Look war vielleicht noch 2008, zur Zeit der Gründung von Lebenskleidung, vorhanden. Doch mittlerweile lässt sich Eco Fashion kaum mehr von der „normalen“ Kleidung unterscheiden. Das gleiche gilt für Schnitt, Materialien und Farbe. Natürlich können bei biologisch zertifizierter Kleidung keine Glitzerfarben oder große Applikationen verwendet werden, die aus textilchemischen Gründen einfach nicht funktioniert. Doch im Gegensatz zu der konventionelle Textilszene, der sogenannten Fast-Fashion Szene, entwickelt sich nachhaltige Kleidung in den letzten Jahren sehr positiv.

Wo siehst du in Zukunft die größte Herausforderung für die nachhaltige Mode?
Die größte Problematik sehe ich darin: Wenn irgendwo Geld verdient wird, gibt es auch Menschen, die damit Geld verdienen wollen, ohne, dass sie sich an die Grundidee der Entwicklung halten. Uns geht es darum, diejenigen zu unterstützen, die wirklich nachhaltig arbeiten. Natürlich kann man zum Beispiel auch bei Aldi oder Lidl ein T-Shirt nach GOTS Standard für unter zehn Euro kaufen, möglich durch bestimmte Subventionen des Handels oder der schieren Massen, die hier produziert werden. Es geht aber darum, die Spreu vom Weizen zu trennen, ein T-Shirt bei einem Fachhändler kostet nun mal rund 30 Euro. Denn das GOTS-Zertifikat sagt beispielweise nichts darüber aus, wie gut die Kleidung genäht ist. Es gibt rund 80 Millionen Baumwollbauern weltweit und davon arbeiten nur ein oder zwei Prozent ökologisch, hier sehen wir großen Verbesserungsbedarf. Dass diese Berufe in den Ländern auch für die junge Generation attraktiv gestaltet werden, und beispielsweise Menschen aus Uganda nicht hier in Berlin auf dem Görlitzer Park Gras verkaufen müssen, weil sie in ihrer Heimat keine Perspektiven sehen. Wir brauchen hier einen ganzheitlichen, globalen Blick, dass die Personen, die an der Produktion deiner Kleidung beteiligt sind, eine faire Wertschätzung der Arbeit bekommen. Geschieht das nicht, und vielerorts sehen wir das, zieht die Billig-Karawane von Bangladesch einfach weiter nach Äthiopien, weil die Produktion dort noch viel günstiger ist. Wir können in Zukunft nicht weiter auf diesem Niveau arbeiten, und Menschen und Umwelt noch mehr ausbeuten. Auch wenn H&M Biobaumwolle verwendet, das ist erstmal gut, produziert das Unternehmen weiter im Sinne des Fast-Fashion-Denkens.

Nachhaltig wirtschaften, wie definierst du Erfolg?
Wir waren von Anfang an von keinen Investoren abhängig. Das Modelabel ARMEDANGELS, welches viele Kleidungsstücke aus Biobaumwolle verkauft, konnte zum Vergleich nur durch die Unterstützung von Investoren so schnell wachsen. Lebenskleidung wächst organisch, geht Schritt für Schritt. Erfolg bedeutet für mich, dass ich nicht arbeite, um zu arbeiten. Es muss eine klare Balance zwischen Freizeit und Beruf geben. Natürlich müssen hier alle Mitarbeiter bezahlt werden, das ist gar keine Frage, doch Wachsen sollte meiner Meinung nach kein Zwang sein. Es sollte nicht nur um den eigenen Profit gehen, ich möchte in meiner Arbeit glücklich und frei sein, viel reisen können, vor Ort die Produktionsabläufe betreuen und die Zusammenarbeit mit den Kunden ständig optimieren. Im Endeffekt muss Lebenskleidung Erfolg haben, doch wir müssen nicht mehr Erfolg haben, um dadurch Kompromisse einzugehen. Uns geht es um eine faire Kreislaufwirtschaft.

Foto: Antonia Witt

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Was macht die Einzigartigkeit von einem Stoff aus?
Den perfekten Stoff gibt es nicht, das sind immer Abwägungsprozesse. Doch für viele Menschen ist die Haptik erst einmal entscheidend, dass sie den Stoff anfassen können, und wie sich der Stoff auf der Haut anfühlt. Das ist gerade bei nachhaltigen Stoffen besonders wichtig. Mit der Baumwolle kann sehr individuell und vielseitig auf die Kundenwünsche eingegangen werden, ob glatt, strukturiert, weich wie Satin oder lieber etwas rauer. Oft glaubt man bei den fertigen Produkten am Ende nicht, dass alles aus der gleichen Faser entstanden ist.

Sind die Stoffe von Lebenskleidung zum Beispiel auf der Berliner Fashion Week zu finden?
Auf Modemessen in Berlin gibt es rund 15 Modelabels, die mit unseren Stoffen arbeiten, zum Beispiel JAN`N JUN aus Hamburg, zwei Frauen, die kreative und nachhaltige Mode fertigen. Häufig sind es kleinere Marken, die unsere Stoffe verwenden.

Ist Biokleidung auch etwas für den kleinen Geldbeutel?
Das ist genauso wie mit biologischen Lebensmitteln, im Prinzip muss man eine gewisse Wertschätzung entwickeln, für das, was man isst und trägt. Es würde mich freuen, nicht immer argumentieren zu müssen, warum wir so teuer sind, sondern vielmehr, warum die anderen so billig sind. Die günstigen Preise für Lebensmittel oder Kleidung kommen dadurch zustande, dass viele der Kosten externalisiert werden. Setzt man nicht auf Ausbeutung und Umweltverschmutzung, entsteht schlicht ein anderer Preis. Bei Gemüse der Saison gibt es beispielsweise keinen großen Unterschied zwischen biologisch und konventionell. Häufig haben wir uns als Konsumenten in zu vielen Bereichen an die viel zu billigen Preise gewöhnt. Es macht für mich keinen Sinn, im Winter eine Tomate zu kaufen, die sehr teuer ist und der Transport dabei hohe Kosten verursacht. Mit Blick auf den Niedriglohnsektor in Deutschland muss dies natürlich wieder anders betrachtet werden, doch die Frage ist, mit Blick auf das derzeitige Wirtschaftssystem, wo wollen wir in Zukunft hin? Denn so wie es jetzt ist, kann es nicht mehr lange gut weitergehen. Wir von Lebenskleidung möchten zeigen, dass man mit weniger negativen Auswirkungen nachhaltig gut wirtschaften kann.

„Schön, dass H&M Biobaumwolle einkauft. Schade, dass die Stoffe weiter unter schlechten Bedingungen gefärbt und genäht werden.“

Wie wichtig ist es, dass das Thema Nachhaltigkeit gelebt wird?
Wir von Lebenskleidung versuchen die Werte zu leben, die wir nach außen hin vertreten, das zeigt sich gerade in unserer Arbeits- und Esskultur. Wir zahlen extra mehr für Nachhaltigkeit, und es funktioniert, wir können von unserer Tätigkeit gut leben und verdienen ausreichend Geld.

Wie lange kann ich die Stoffe von Lebenskleidung tragen, ein Leben lang?
Unser Ziel ist es, hochwertige Stoffe zu produzieren. Natürlich hoffe ich, dass zum Beispiel eine Hose aus den Stoffen von Lebenskleidung deutlich länger hält, verglichen mit einem Kleidungsstück beispielsweise von H&M. Wird mehr Wert auf die Qualität gelegt, halten die Dinge meistens auch länger.

Was heißt Qualität für dich?
Wenn man schon Ressourcen verbraucht, also in dem Fall Baumwolle anbaut, und sie um die halbe Welt schifft, sollte man meiner Meinung nach den Anspruch haben, dass dies so lange wie möglich auch zum Teil des eigenen Lebens wird. Wenn ich die Wahl habe, kaufe ich lieber Second-Hand, statt einem ganz neuen T-Shirt aus Baumwolle, denn da wurde schon Energie reingesteckt, das ist aus meiner Sicht nachhaltiger. Es gilt, Qualität wertzuschätzen, dann entsteht automatisch auch eine andere Lebensqualität.

Bezüglich des Fashion Transparency Index von 2019, wenn große Unternehmen, zum Beispiel Adidas, vermehrt auf Nachhaltigkeit setzen, ist das deiner Meinung nach eine Art Greenwashing, um auf dem Markt aktuell zu bleiben, oder existiert hier ein Bewusstsein für die Zeit, in der wir leben?
Interessant ist, dass wir alle die heutige Zeit, so wie sie jetzt ist, mitgeprägt haben. Viele große Unternehmen haben in der Vergangenheit ihre alten Geschäftsmodelle umgesetzt, bis schließlich die kleineren Firmen kamen, wie zum Beispiel Lebenskleidung. Wenn große Unternehmen sehen, dass mit Nachhaltigkeit auch Geld verdient werden kann, natürlich ändern sie dann einige ihrer bisherigen Produkte. Doch die Strategie ist nach wie vor: Follow the money, und es entspricht keinem Handeln aus Überzeugung. H&M hat beispielsweise eine neue Marke auf den Markt gebracht, Arket, das traditionelle Geschäft bringt nicht mehr die erwünschten Gewinne. Auch wenn hier das Profitdenken im Vordergrund steht, freue ich mich trotzdem über die Entwicklungen hin zu mehr Nachhaltigkeit bei großer Modekonzerne, denn die gesamte Textilbranche muss schließlich transformiert werden.

Transformation für die Zukunft – wenn du einen Wunsch frei hättest, was wäre das, in Bezug auf die Modewelt, die Kunden, oder allgemein auf das Thema Nachhaltigkeit bezogen?
Dass sich alle Menschen, die mit diesen Bereichen zu tun haben, bewusst machen, wie die Wertschöpfungskette bis nach unten hin aussieht. Es sollte das Bewusstsein dafür entwickelt werden, dass Kleinbauern in Indien oder Afrika für große Teile unserer Kleidung, die wir tragen, hart arbeiten müssen. Wenn wir die gesamte Wirtschaft zukunftsfähig machen wollen, müssen wir uns den gesamten Kreislauf anschauen. Warum verdienen die Menschen in Deutschland nicht genug Geld, um sich nachhaltige Kleidung kaufen zu können? Warum verdienen alle beteiligten Akteure häufig nicht genug, um davon gut zu leben? Gerade in den Ländern, in denen große Teile der Textilproduktion liegen, müssen in dem Transformationsprozess noch viel mehr unterstützt werden. Wir haben einfach nicht die Zeit, so weiter zu machen, bis irgendwann der große Knall kommt. Auch im Bereich von Energie und Umweltschutz, finde ich, sollte Deutschland in vielen Bereichen noch viel mehr eine Vorbildrolle einnehmen. Man kann nicht von anderen mehr verlangen, wie man selbst nicht im Stande ist zu leisten. Es ist Zeit, sich gegenseitig ehrlich in das Gesicht zu blicken, viele der derzeitigen Geschäftsmodelle beruhen nur auf Ausbeutung. Wir sind eine globale Welt und wir können bestimmte Vorgänge nicht mehr unabhängig voneinander betrachten. Es gilt die Komplexität zu verstehen, dass wir alle in einem Boot sitzen.

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